Die Fotografin und Künstlerin Alice Kerling trug mit ihren bis heute unübertroffenen und unverwechselbaren Fotografien des Haus Schminke maßgeblich zu dessen Bekanntheitsgrad bei.
Die von Hans Scharoun beauftragte Serie von Fotos war für die Veröffentlichung seines Werkes gedacht und entstand am 5. und 6. August 1933. Insbesondere die berühmte Fotografie der Nordost-Ecke illustriert bis heute nahezu jedes Architektur-Lexikon. Durch die meisterhafte Verwendung einer Kombination aus Weitwinkel-Objektiv und dem bis auf die Minute abgewarteten idealem Schattenschlag scheint sich das Haus vom Grund zu lösen. Die Nordostecke des Hauses wird so scheinbar zum Bug eines Schiffes.
Leider ist über Alice Kerling viel zu wenig bekannt. Fest steht, dass Scharoun sie in den 1920er Jahren bei seinen Bemühungen um den Aufbau einer Webwerkstatt an der Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau kennen gelernt haben muss. Aus diesem Kontakt kam es in der Folge wohl auch zum Auftrag in Löbau.
Während des Nationalsozialismus heiratete die bekennende Kommunistin Alice Kerling den Landschaftsarchitekten Reinhold Lingner (1901-1968). Von 1927 bis 1933 arbeitete er für den Deutschen Kriegsgräberdienst und gestaltete in dieser Funktion zahlreiche Soldatenfriedhöfe. Offensichtlich wegen seiner Heirat mit der von nun an als "Lingnerin" bekannten Kerling, verlor er diese Stellung jedoch und litt unter einem unausgesprochenen Berufsverbot.
Reinhold Lingner galt später als einer der führenden seines Faches in der DDR.
Interessant sind die Verbindungen zu Scharoun: Reinhold Lingner war unter dem Stadtbaurat Hans Scharoun Leiter des Berliner Hauptamtes für Grünplanung, wo er Untersuchungen für den landschaftsarchitektonischen Umgang mit den gewaltigen Kriegstrümmermassen nachging. Auf diese Planungen wird u. a. Scharouns Idee der "Stadtlandschaft" mit zurückgeführt.
Reinhold Lingner war auch mit dem Landschaftsarchitekten Herrmann Mattern persönlich bekannt. Beide gelten bis heute als große Vertreter und Lehrmeister ihres Faches und ihrer Zeit. Auch wenn es zwischen ihnen wohl nie eine direkte Zusammenarbeit gab, arbeiteten beide gelegentlich mit Hans Scharoun. Sie kannten ihn spätestens seit den mit dem Bau des Haus Schminke verbundenen Aufträgen ihrer Ehefrauen. Matterns Frau Hertha Hammerbacher gestaltete den Garten des Haus Schminke. Das letzte gemeinsame Werk Scharouns und Matterns war das des Berliner Kulturforums.
(Anmerkung: Über weitere biografische Daten von Alice Kerling sind wir sehr dankbar)