Mai 1933. Das Haus Schminke ist eben fertiggestellt. Wir betreten das Grundstück durch das an der Kirschallee liegende Gartentor. In die bereits 1919 hergestellte Bruchstein-Gartenmauer hat der Architekt Tore für Autos und Fußgänger eingefügt, die außen weiß und innen rot gestrichen sind.
Auf dem nach rechts schwingenden Gartenweg fällt ein erster Blick auf die Fassade des Hauses, welche mit einem schneeweißen Edelputz überzogen ist, dessen Kristallanteile in der Sonne reflektieren. Die roten Rollladenkästen und die blaugrauen Fensterrahmen heben sich deutlich ab. Es besteht ein herrlicher Kontrast zum Blau des Himmels, dem Grün der Pflanzen und dem Schwarzgrau der Gehölze und Schatten.
Wie selbständige Bauten treten links der eingeschossige Eingangsbereich mit dem quadratisch unterteilten großen Fenster und rechts der ähnlich gegliederte aber mit schräggestelltem Fenster versehene Wintergarten hervor. Über der Eingangstür liegt ein schräges, weit auskragendes Dach über der Vorfahrt, die an einem zweiten Tor zum Hof des benachbarten Fabrikgeländes endet.
Hinter der großen Eingangstür liegt ein von Drahtglas umgebener Windfang durch den man in den Vorraum des Hauses gelangt, wo sich die Garderobe befindet. Abgetrennt durch einen Vorhang auf der linken Seite liegt ein kleiner Wasch- und Toilettenraum. Beim weiteren Eintritt in das Haus eröffnen sich drei Wege: geradeaus die große Treppe in das Obergeschoss, links hinter einer weiteren Tür ein kleiner Flur, der den Wirtschaftsteil des Hauses erschließt, und schräg rechts die geräumige zweigeschossige Diele.
Durch die schräggestellte Treppe wird man beim Betreten der Diele auf den Essplatz und den Wohnraum zugeleitet. Der Blick zurück lässt erkennen, dass der Vorraum nur durch einen bis zur Decke reichenden Einbauschrank vom Kinderspielplatz abgetrennt ist und sich durch einen Vorhang von der Diele teilen lässt. Am Tage fällt Licht durch das große Fenster des Spielraumes im Süden und das Fenster des Essplatzes im Norden.
Eine hölzerne Schiebetür stellt auf der linken Seite die Verbindung des Essplatzes mit der Anrichte her. Rechts führt eine Glastür auf die Nordterrasse und den Garten. Durch das Panoramafenster eröffnet sich ein überwältigender Blick in den Garten und die Landschaft im Norden des Hauses.
Mit einer dreiteiligen Schiebewand ist der geräumige Wohnraum, der in einen allseitig verglasten Wintergarten übergeht, von der Halle abgetrennt.
Links ist der Wohnraum mit Aussichts- und rechts mit Besonnungsfenstern gestaltet. Vor allen Fenstern befinden sich Vorhänge aus verschiedenen Materialien und Farben. Beindruckend wirkt das lange Sofa unter dem Südfenster-Band als Haupteinrichtungsgegenstand des Raumes. Aus dem dunkelblauen Veloursfußboden ragt vor dem ungeteilten Aussichtsfenster ein freistehender Kamin aus schlesischem Marmor hervor. Alles wirkt tagsüber aufs engste mit der Natur verbunden. Am Abend durch die vielfache Verwendung von Stoffen aber intim und zelthaft.
Durch eine Glas-Schiebewand kann der Wintergarten vom übrigen Wohnraum abgetrennt werden. Im Süden liegt ein vertiefter Teil für Blumen und ein Wasserbecken. Eine durchbrochene Platte mit indirekter Deckenstrahlung in Blechkuppeln lässt den Wintergarten am Abend in einem orangefarbenem Licht erstrahlen. Drei Türen führen auf die Terrassen, eine davon als weitere Glas-Schiebewand.
Durch die Glastür an der Südostseite verlassen wir auf unserem Rundgang den Wintergarten ins Freie. Auf der mit dunkel glasierten Klinkersteinen belegten Südterrasse eröffnen sich verschiedene Wege, eine Treppe zur oberen Terrasse vor dem Schlafraum der Eltern, ein Gang entlang der Fenster des Wintergartens folgend zur Nordterrasse und eine Treppe in den tieferliegenden Garten. Um die obere Terrasse, die Außentreppe und die zum Garten gelegene Erdgeschossterrasse befindet sich eine Brüstung, die an eine Schiffsreling erinnert. Wir folgen der Gartentreppe.
Vom Garten aus gesehen löst sich die Geschlossenheit der Außenhaut des Hauses auf. Vor allem die obere Terrasse erscheint optisch wie die Kommandobrücke eines Schiffes. Durch die Freilegung des Kellergeschosses und die weite Zurücksetzung der geschwungen Kellerwand unter dem Wintergarten scheint das Haus seine Bodenhaftung zu verlieren. Aus dem Wasser des Gartenteiches gesehen wandelt sich die Silhouette zum Schiffsrumpf.
Vom Gartenweg gelangen wir über die Granittreppe zur Nordterrasse und den Gang vor dem Wohnraum, der uns durch die Glastür des Essplatzes wieder ins Innere des Hauses führt. Unter der orangefarbenen Decke der Diele begeben wir uns über die große Treppe auf die Galerie des Obergeschosses. Die kurze Galerie erschließt links das Fremdenzimmer mit dem Schrankraum und dem dazugehörigen Badezimmer, rechts geht sie in einen langen auf die obere Terrasse führenden Flur mit den Wäscheschränken über. Der Fußboden ist mit blauem Gummi belegt, in den vor den Türen graue Dreiecke eingelassen sind. Hier liegen die Türen zu den Schlafräumen zwischen denen Kleiderhaken und Wandlampen angebracht sind.
Die beiden Schlafräume der Kinder sind, spartanisch anmutend, mit Klappmöbeln, die eine unterschiedliche Nutzung der Räume am Tage und in der Nacht ermöglichen, eingerichtet. Zwischen den Schlafräumen der Kinder und der Eltern liegen eine Toilette, ein Brause- und ein Wannenbad, je durch eine Tür getrennt, von denen man das Elternschlafzimmer direkt betreten kann.
Das Elternschlafzimmer dient zugleich als Aufenthaltsraum. Hier stehen getrennte Betten, aber so, dass sich die Eheleute sehen können - oder Dank eines Vorhanges, in der geschwungenen Schiene an der Decke, eben nicht. In einem Bett wird man von der aufgehenden Sonne geweckt, im anderen wird diese durch die freistehende Trennwand verschattet. An der Wand zum Schrankflur ist eine Sprossenleiter angebracht. Im sich zur Terrasse hin erweiternden Erker steht eine trapezförmige Liege. Über ihr befindet sich eine abschließende Fensterbank die sich zu einem Schreibtisch verbreitert.
Über den Flur und die Treppe der Diele gelangt man rechter Hand zur Tür die die Wirtschafts- von den Wohnräumen trennt. An einem kurzen Flur liegen links die Türen zu einem kleinem Badezimmer und zu dem Zimmer des Hausmädchens. Durch die gemauerte Brüstung abgeteilt befindet sich die Kellertreppe. Dort befinden sich die Heizung, Vorratsräume, Waschküche, Trockenraum, Nähzimmer, Dunkelkammer und Kofferkeller. Eine eiserne Tür ermöglicht unter dem Wintergarten den Zugang zum Garten.
Wieder vom Keller ins Erdgeschoss hinaufgestiegen gelangt man oberhalb der Treppe in die großzügige, vorwiegend mit Einbauschränken ausgestattete Küche und die durch eine Schiebetür abgetrennte Anrichte, die zum Essplatz führt.
Der kleine Flur vor den Wirtschaftsräumen wird von einer Tür ins Freie geführt. Links und rechts der geschlossenen Tür fällt durch türhohe, schmale Glasfenster, die auch zum Lüften dienen, Licht in den Flur. Durch die Tür ins Freie getreten, gelangen wir über den Hof linker Hand zur Vorfahrt für Pkw´s und dem Tor an der Kirschallee, dem Ausgangspunkt unseres Rundganges.
nach Dr. Klaus, Kürvers: Entschlüsselung eines Bildes, 1995