Hans Scharoun gehört zu den bedeutendsten Vertretern der organischen Architektur, die eine Strömung der klassischen Moderne ist. Stets strebte er ein harmonisches, lebendiges und funktionelles Miteinander von Gebäude und Landschaft an. Dahinter stand die Idee, die Form aus der inneren Funktion "organisch" zu entwickeln. Scharoun wurde 1893 in Bremen geboren und wuchs in Bremerhaven auf. Eindrücke aus der Hafenstadt wurden zu seiner Handschrift und flossen in viele seiner Bauten und Entwürfe mit ein: Bullaugenfenster, Stahltreppen und -geländer, relingartige Brüstungen und Balkone sind typische Elemente, die sich auch am Haus Schminke wieder finden.
Als der Vater von seiner früh erwachten Neigung zum Zeichnen von Häusern erfuhr, verbot er ihm dieser nachzugehen. Er fürchtete wohl, dass sein Sohn einer "brotlosen Kunst" verfallen könnte. Deshalb führte Hans seine Entwürfe, geschützt durch die Mutter, bis zum Tod des Vaters 1911 heimlich aus. Anders als der Vater förderte ihn der in der Nachbarschaft beheimatete Baumeister Hoffmeyer. Scharoun heiratete 1920 die Tochter Aenne Hoffmeyer.
Von 1912 bis 1914 studierte Scharoun an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg Architektur und Bauwesen. Er betätigte sich allerdings lieber in der Baupraxis, im Büro von Paul Kruchen.
Als Scharoun 1915 zum Kriegsdienst nach Ostpreußen einberufen wurde, reklamierte ihn Paul Kruchen sofort für seine Tätigkeit als Bezirksarchitekt für den Wiederaufbau Ostpreußens. Nach Kriegende blieb Scharoun in Ostpreußen und gründete in Insterburg sein erstes Architekturbüro. Dort lernte er Bruno Taut kennen und trat dem Kreis "Die gläserne Kette" bei.
Durch seine Wettbewerbsarbeiten bekannt geworden, erhielt Scharoun 1925 den Ruf als Professor an die Staatliche Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau. Gleichzeitig übernahm er dort die Leitung der akademieeigenen Werkstätten, welche Hans Poelzig zwanzig Jahre zuvor, also schon lange vor denen des Bauhauses, eingerichtet hatte. 1932 wurde die wegweisende Akademie, wie später auch das Bauhaus, aus politischen Gründen geschlossen. Bereits 1926 wurde Scharoun Mitglied der Architektenvereinigung "Der Ring". Dort freundete er sich mit Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe an. Van der Rohe lud ihn wenig später zur Teilnahme an der vom Werkbund organisierten internationalen Wohnbauausstellung am Weißenhof in Stuttgart ein.
Zu den richtungsweisenden Gebäuden aus dieser Zeit zählen das 1927 in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung erbaute Einfamilienhaus und das für die Breslauer Werkbundausstellung 1929 errichtete Wohnheim sowie die zwischen 1929 und 1931 geplante Großsiedlung Siemensstadt in Berlin, wo er seine Vorstellungen für einen sozialverträglichen Wohnungsbau umsetzen konnte.
Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten setzte der klassischen Moderne ein Ende. Die meisten führenden Architekten des Neuen Bauens emigrierten. Scharoun blieb, wurde aber von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen. Im Bau von in ihrer Formensprache zur Straße "getarnten" Einfamilienhäusern fand er eine Nische. Er erinnerte sich später: "Die Baugesellschaften waren mir natürlich verschlossen. Als Bauherren blieben mir Menschen, die irgendwie vom neuen Bauen besessen waren. Das Haus, das mir das liebste war, ließ sich der Fabrikant Schminke in Löbau in Sachsen bauen." Die jungen Eheleute Charlotte und Fritz Schminke hatten das Wohnhaus in Stuttgart und das Wohnheim in Breslau besucht. Ihr Haus wurde 1933 fertiggestellt. Danach wurde es für Scharoun, der als "entartet galt", immer schwieriger, Baugenehmigungen zu erlangen. Den Mangel an Möglichkeiten zum Bauen kompensierte er durch das Zeichnen. Seine architektonischen Ideen und Visionen hielt er auf zahlreichen Aquarellen fest und bereitete sich so auf die Zeit nach dem Nationalsozialismus vor.
Die sowjetische Militäradministration in Berlin berief Scharoun im Mai 1945 zum Stadtbaurat und Leiter der Abteilung Bau- und Wohnungswesen des Magistrats von Großberlin. Seine Vorstellungen zum Wiederaufbau von Berlin präsentierte er 1946 in der Ausstellung "Berlin plant" im Weißen Saal des Berliner Stadtschlosses. Scharouns "Kollektivplan" ging über die bloße Restaurierung der Stadt weit hinaus und sah eine grundlegende Umstrukturierung des Stadtgebiets vor. Er rührte damit an vielen Tabus und wurde noch im gleichen Jahr von seinem Amt entbunden. Auch aufgrund der beschränkten wirtschaftlichen und technischen Möglichkeiten und der sich abzeichnenden Teilung der Stadt wurden schließlich konkurrierende Planungsvorhaben realisiert, die jedoch alle von Scharouns Konzept beeinflusst waren.
1946 wurde Scharoun zum ordentlichen Professor an die Technische Universität Berlin berufen, wo er bis 1958 lehrte. Daneben wirkte er von 1947 bis 1950 als Direktor des Instituts für Bauwesen an der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin, für welche er am Standort an der Hannoverschen Straße das Dachgeschoss ausbaute. 1973/74 wurde das Gebäude zum Sitz der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR, heute dient es als Berliner Dienstsitz des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.
Scharouns innovative Planungen für die leider nie gebaute Volksschule in Darmstadt begannen 1951. Seine Vorstellungen von Schularchitektur konnte er aber 1956 beim Bau des Gymnasiums in Lünen und 1961 beim Bau der Schule in Marl verwirklichen: angefangen bei den "nestartigen" und "geheimen Bezirken" für die Schüler der Unterstufe bis zu den "rationalen" Denkräumen der Oberstufe. Schulgebäude, so die Auffassung von Scharoun, sollen Individualität, Selbständigkeit und Mündigkeit der Schülerinnen und Schüler fördern. Sie sollen sich in ihren Klassenräumen, die er als "Klassenwohnungen" bezeichnete, wohl und verantwortlich fühlen. Aus den Klassenwohnungen gelangen sie zunächst in gemeinschaftliche Räume, die der Begegnung der Gleichaltrigen dienen, und schließlich in die zentral gelegenen Schulaula, die das gemeinschaftliche Erleben ermöglicht.
Die Krönung seines Schaffens nach dem zweiten Weltkrieg stellt die 1963 erbaute Berliner Philharmonie dar. Sie gilt mit ihrer durch die Nutzung bestimmten Architektur als Musterbeispiel des organischen Bauens. Es war Scharouns Anliegen, "einem Ort des Musizierens und des gemeinsamen Erlebens der Musik eine entsprechende Form zu geben". Die Außenanlagen der Philharmonie gestaltete Herrmann Mattern, den Scharoun beim Bau des Hauses Schminke durch Matterns Ehefrau, die Gartengestalterin Herta Hammerbacher, kennenlernte.
1968 unterzeichnete er noch den Architektenvertrag über einen Vorentwurf des Kammermusiksaales der Philharmonie. Die Fertigstellung erlebte er nicht mehr.
Am 25. November 1972 verstarb Hans Scharoun in Berlin.
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